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Vor 100 Jahren wurde auch in Balsthal gestreikt

16.November.2018

Der landesweite Generalstreik, der im November 1918 vor allem in den grösseren Städ-ten zu sozialen Auseinandersetzungen führte, erreichte auch das ländliche Balsthal.

Die Not der Leute
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges herrschte wegen Lebensmittelknappheit, Wohnungsnot und Teuerung grosses Leid in der Bevölkerung. So kam es auch im Kanton Solothurn zu ers-ten Protestbewegungen durch Arbeitervereine. Doch Massnahmen zur Linderung der Not blie-ben aus oder waren ungenügend. Um den Anliegen der Arbeiter mehr Gewicht zu geben, gründeten Vertreter der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes das Oltener Aktionskomitee, welches am 4. Februar 1918 zum ersten Mal im zentral gelegenen Olten tagte.

Der Generalstreik
Anlässlich des Jahrestages der Russischen Revolution warnte die bürgerliche Presse vor ei-nem bolschewistischen Umsturz in der Schweiz. Unter dem Druck der Armeeleitung, angeführt durch den „preussischen“ General Wille, mobilisierte der Bundesrat 95`000 Mann, welche auf die grösseren Städte verteilt wurden. Aufgrund dieser als Provokation empfundenen Mass-nahme rief das Oltener Aktionskomitee am Montag, den 11. November, zum Generalstreik auf. Etwa 250`000 Arbeiter legten die Arbeit nieder, und der Streik der Eisenbahner lähmte das Land.

Auch in Balsthal wurde gestreikt
Im Gegensatz zu Grenchen, Solothurn oder Olten gab es im ländlichen Balsthal nur vereinzel-te Streikaktionen. Die bürgerliche Vorherrschaft und die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust waren wohl Gründe, warum nur ein kleiner Teil der Werktätigen in Gewerkschaften und Arbei-tervereinen organisiert war und streikte. Darüber gibt es ein paar wenige schriftliche Quellen. So steht in den Oltner Nachrichten vom 4.11.1918: „Die Bolschewiki im Eisenwerk Klus sind wieder eifrig am Agitieren.“ Und Polizei-Wachtmeister Kohler schickte am 12.11.1918 folgende Meldung nach Solothurn: „Klus Arbeit eingestellt, nachdem Arbeitswillige zum Verlassen der Arbeit aufgefordert worden waren durch Streikende. Papierfabrik arbeitet nicht mehr.“
Am heftigsten gestreikt wurde bei der OeBB. Der Geschäftsbericht von 1918 bestätigt, dass der Bahnbetrieb während drei Tagen zeitweise eingestellt war, und in einem Schreiben der Bahnleitung OeBB an den Betriebsgruppendirektor II in Basel steht: „ Mittwoch 13. November. Zum Anschluss an den SBB-Extrazug führten wir ebenfalls ein Extrazugspaar aus. Wir nah-men militärische Hilfe in Anspruch und konnten nur unter Androhung militärischer Abfassung unser Personal zur Führung dieser Züge veranlassen. Jungburschen und Radaubrüder nah-men zwischen Oensingen und Balsthal wiederholt drohende Haltung ein, strichen sich aber angesichts der aufgepflanzten Bajonette. Tschudin und Baumgartner agierten auch an diesem Tage lebhaft.“

Der Streikabbruch
Weil ein Bürgerkrieg drohte, erklärte das Oltener Aktionskomitee in der Nacht vom 14. auf den 15. November das Ende des Generalstreiks. Dass der Landesstreik fast unblutig verlief, war einerseits auf die Disziplin der Streikenden, andererseits auf das zurückhaltende Auftreten der Armee zurückzuführen. Nur in Grenchen wurden leider drei junge Männer erschossen, weil welsche Mitrailleure den Kopf verloren. Die Streikführer wurden durch die Militärjustiz hart mit Gefängnis und Bussen bestraft. Die Streikenden fühlten sich aber trotzdem nicht als Verlierer. Zwei ihrer Forderungen wurden rasch erfüllt: Neuwahlen des Nationalrates nach Proporz, wodurch die Sozialdemokraten ihre Sitzzahl verdoppelten, und die Einführung der 48-Stunden-Woche. Die Anliegen der Arbeiterschaft wurden ab jetzt vom Parlament und dem noch rein bürgerlichen Bundesrat stärker wahrgenommen.

Von Fritz Dietiker




SP vor Ort